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    Erzählkreis / Wochenenderzählung

    Der Erzähkreis für die Wochenenderzählung ist ein altes Ritual in Grundschulen, mit dem ich mich zunächst gar nicht anfreunden konnte – und zwar aus folgenden Gründen:

     

    1) unausgeglichenes Aufwand- Nutzen – Verhältnis


    So ein Erzählkreis zieht sich ziemlich lang für relativ wenig Output. Zwar bekommen alle Kinder die Möglichkeit, zu Wort zu kommen und von sich zu erzählen, abseits von schulischen, unterrichtlichen Impulsen. Jedoch ist meiner Erfahrung nach spätestens ab der Hälfte des Erzählkreises ist die Luft zum Zuhören raus. Ich habe dann als Lehrkraft die große Mühe noch für Ruhe zu sorgen und bin aber selbst mit meiner Aufmerksamkeit dann nicht mehr beim sprechenden Kind, sondern bei den unruhigen Zuhörern.  Für mich stehen hier Aufwand und Nutzen nicht in einem ausgeglichenen Verhältnis.

     

     

    2. Drucksituation


    Was ist mit den Kindern, die am Wochenende nichts erleben? Es gibt Familien, in denen Kinder am Wochenende keine Ausflüge machen oder ein tolles Programm zusammengestellt wird. Genau solche Kinder werden durch den Impuls „Erzähle von deinem Wochenende“ unter Druck gesetzt, neben all den schönen Erlebnissen der Mitschüler zu bestehen.

    3. Gegenseitiges Übertrumpfen

     

    Abhängig von der Klasse hatte ich zeitweise das Gefühl, dass der Erzählkreis aus eine Gesprächsrunde war, indem es darum ging, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Das ist ganz eng mit der Drucksituation verknüpft, betrifft aber weitaus mehr Kinder.

     

    Ein Beispiel aus dem Erzählkreis drückt für mich sehr passend aus, warum ich der klassischen Wochenenderzählung so skeptisch gegenüberstehe:

     

    Kind 1: „Ich durfte am Wochenende zwei Stunden zocken.“
    Kind 2: „Ich habe sechs Stunden gezockt und zwar ein Spiel ab 16.“
    Kind 3: „Ich habe XBox und Fortnite gezockt.“

     

    Genau dieses Gespräch ereignete sich im Gesprächskreis meiner Betreuungslehrkraftsklasse. Insgesamt dauerte der Erzählkreis eine ganze Schulstunde. Das ist viel wertvolle Zeit, wenn man bedenkt, dass man von knapp der Hälfte der Kinder nur erfährt, dass sie „gezockt“ haben. Der Vergleich der drei Kinder zeigt, wie es um eine gegenseitige Übertrumpfung und (vielleicht oder hoffentlich) Übertreibung geht.

     

    Was? Du hast nur zwei Stunden gezockt, also ich habe sechs!


    Was? Du hast Fortnite ab 12 Jahren gespielt, also ich spiele xy und das ist ab 16 Jahren.

     

    Ich habe daher um ehrlich zu sein ziemlich lange keinen Erzählkreis durchgeführt. Stattdessen habe ich die Kinder in der Vorviertelstunde einzeln nach ihrem Wochenende gefragt. Da die Kinder ja nicht alle gleichzeitig ins Klassenzimmer stürmen, sondern nach und nach eintröpfeln, habe ich da immer einen guten Rahmen um jedes Kind einzeln zu begrüßen und mit ihm ein paar Sätze auszutauschen.

     

    Doch ich habe gemerkt, dass ein kompletter Verzicht von Erzählrunden nicht dem Miteinander in der Klasse und dem natürlichen Gesprächsbedarf nach dem Wochenende zuträgt.

     

    Inzwischen handhabe ich es ganz unterschiedlich! Ich führe immer noch nicht jeden Montag einen Erzählkreis zum Wochenende durch, aber mindestens alle 2 Wochen. Was ich jedoch nicht mache, ist ein Erzählkreis mit der ganzen Klasse. Da stehe ich einfach nicht dahinter: mir ist das zu viel wertvolle Zeit, zu viel Unruhe, zu wenig Nutzen.

     

    Ich wechsele stattdessen zwischen Chat Points und anderen Kleingruppenformen ab. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde, dass Lehrkraft sein, auch bedeute, dieselben Inhalte und Ziele immer wieder neu zu verpacken und anders zu gestalten, um die Kinder motiviert zu halten.

     

    Das ist nicht nur in Mathe so – da gibt es neben Schulübungen im Buch oder Arbeitsblättern auch mal Spiele und Wettbewerbe und Quizrunden, um Lockerheit reinzubringen und den Kindern die Lust am Lernen nicht zu nehmen.

     

    Aber das gilt auch für den Erzählkreis: Immer nur an Chat Points vom Wochenende zu berichten, wird langweilig. Deswegen habe ich mir einige Alternativen ausgedacht. Eine davon möchte ich dir heute vorstellen: Das Wochenend-Flaschendrehen.

     

    Ablauf:

     

    Die Kinder gehen in Kleingruppen zusammen (in der Regeln nach ihrem Gruppentisch). Da ich auch lineare Gruppentische habe, entscheiden die Kinder selbst, ob sie sich schnell gegenübersetzen, einen Stuhlkreis machen oder mit Sitzkissen eine Runde bilden. Eine Gruppe darf auch auf den Gang.

     

    Jede Gruppe erhält eine Flasche. Die Flasche wird gedreht. Abhängig davon, auf wen die Flasche zeigt, darf dieses Kind eine Frage zum Wochenende in die Runde stellen.  Die Frage wird reihum beantwortet, dann wird erneut gedreht. Sollte ein Kind öfters drankommen, wählt es einen anderen Fragesteller aus.

     

    Als Hilfestellung ist der Ablauf und mögliche Impulsfragen mit der Dokumentenkamera an der Wand visualisiert. Allerdings kennen die Kinder mögliche Impulsfragen auch schon aus den Chat Points. Allgemeine Fragen wie „Wie war euer Wochenende“ werden nicht gestellt, weil sie zu unspezifisch sind und zu lang dauern. Das habe ich gemeinsam mit den Kindern besprochen und war ihnen auch einleuchtend.

     

    Insgesamt dauert die Erzählung maximal 10 Minuten, eher weniger. Und trotzdem kam jeder zu Wort und es ist abwechslungsreicher und einfacher einander zuzuhören. Manchmal frage ich auch zum Abschluss noch Fragen wie „Wer aus deiner Gruppe (außer dir) hat denn etwas ganz Besonderes erlebt?“ und weitere Zuhörfragen.

     

    Herunterladen könnt ihr euch den Ablauf und mögliche Impulsfragen hier.

     

    Wie handhabst du den Erzählkreis in deiner Klasse? Hast du noch weitere Ideen? Teile sie gerne in den Kommentaren!

     

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